Sergej Werschinin: Wir haben in Moskau studiert, ich kam 1984 an das Institut für Fremdsprachen, das damals noch Maurice Thorez Moskauer Pädagogisches Institut für Fremdsprachen hieß. 

Irina Werschinina: Ich kam 1986 an das Institut. Unseren Abschluss haben wir dann schon an der Moskauer Linguistischen Universität gemacht. 

Sergej Werschinin: Wir lernten uns kennen, als ich 1987 von Wehrdienst zurückkam. 

Irina Werschinina: Sergej war an der Fakultät für Übersetzung, und ich an der pädagogischen. 

Sergej Werschinin: Der Beruf des Übersetzers galt damals als Männerberuf, man dachte es sei nichts für Frauen – sowohl wegen der Belastung als auch aus politischen, ideologischen Gründen und wegen des moralischen Charakters… Man glaubte, dass Männer stabiler seien als Frauen, die dazu neigten, einen Ausländer zu heiraten und das Land zu verlassen oder alle Geheimnisse zu verraten. Das war die Vorstellung. Deshalb hatten wir nur Mädchen in unserer Gruppe, die irgendwelche besonderen Kontakte in der Uni hatten. Eine von ihnen war die Tochter eines sowjetischen Korrespondenten in der BRD. 

Irina Werschinina: Es war der Beginn der Perestroika. Und Dank dieser Perestroika ist unser Kurs in die DDR gefahren. Es war eine von der Universität organisierte Reise. Davor gab es Studierendenaustausche, aber nur die Besten – Komsomol-Mitglieder, sehr gute Studierende oder so – wurden in die DDR geschickt. In diesem Jahr haben sie alle auf einmal geschickt, den ganzen Kurs. 50 Pädagogen und 20 Übersetzer. Es war das Studienjahr 1988-1989, aber wir haben es nicht ganz bis zum 9. November geschafft. 

Irina Werschinina im Jahr 1989 in Berlin
Foto: Archiv von Werschinin

Sergej Werschinin: Wir fühlten uns damals wie Vertreter eines fortschrittlichen Landes. Die rückständige, konservative DDR befand sich im Vergleich zu uns noch in den starken Armen des Totalitarismus. Die Sowjetunion begann aber bereits zu zittern, und wir fühlten uns wie die Vorboten von etwas Neuem. Wir hatten schon solche Filme – „Der kalte Sommer des Jahres 53“, „Kleine Vera“ und so weiter. Aber bei ihnen war der Film „…und morgen war Krieg“ und die Zeitschrift Ogonjok verboten. 

Irina Werschinina: Ich erinnere mich, dass wir am 7. Oktober 1988 davon aufgewacht sind, dass Panzer die Straße lang rollten. Sie haben eine Parade geprobt. Selbstverständlich war das nichts Besonderes, das gab es bei uns auch. Aber trotzdem war es seltsam, eine Parade in der DDR zu sehen. Bei uns hatte ja bereits die Perestroika begonnen. 

Wir wurden auf drei Universitäten aufgeteilt. Einige gingen nach Berlin, einige nach Leipzig, einige nach Jena. Sergej wurde nach Leipzig geschickt, weil dort die Übersetzer waren. Und ich war in Berlin. Jetzt fährt man eine Stunde von Berlin nach Leipzig, aber damals waren es zweieinhalb Stunden, und wir haben uns fast jedes Wochenende besucht. In Berlin hatten wir eine Drei-Zimmer-Wohnung und eine Gemeinschaftsküche. Und wir wurden so untergebracht, dass wir mit den Deutschen zusammen lebten.

Sergej Werschinin: Wie wir gereist sind wurde nicht kontrolliert. Es gab günstige Tickets mit Studierendenrabatt. Vielleicht mussten die Aufpasser ein Auge auf uns haben, die Anweisungen bestanden weiterhin, aber sie haben da ein Auge zugedrückt. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendjemand etwas von uns verlangt hätte. 

Sergey Werschinin in Leipzig 1989
Archiv von Werschinin

Wir hatten ein Stipendium von 512 DDR-Mark. Das hat trotzdem nicht gereicht. Ich wollte mir normale Kleidung kaufen, Jeans, Pullover, schließlich gab es in der Sowjetunion nichts. Aber wir hatten nicht genug Geld, also haben wir gejobbt. Ich erinnere mich, dass ich nachts Postwaggons entladen habe und dafür 50 Mark pro Schicht bekam. Wir wurden in bar bezahlt, und es gab keinen Papierkram. Irgendjemand von den Einheimischen hatte uns den Tipp gegeben, dann ging jemand von uns als erstes hin, und es wurde sehr beliebt, auch ich ging mehrmals hin. Wir kamen einfach, es waren einige Leute da, eine Menge einheimischer Alkoholiker – es ist ein sehr schmutziger Job. 

Irina Werschinina: Ich habe sehr gerne dort studiert, alles schien so ungewöhnlich, und die Beziehung zwischen den Dozenten und den Studenten war ganz anders. Obwohl es die DDR war und die Dozenten wahrscheinlich Berichte an die Stasi schrieben, wussten wir damals nichts davon. Wir haben es vermutet, aber es wurde nicht besprochen. Aber uns hat es gefallen, dass wir gleichberechtigt und respektvoll behandelt wurden. Als wir das erste Mal kamen, haben wir uns hingesetzt und der Dozentin setzte sich auf den Tisch. Es war informell, wir waren es ja von der Universität so gewohnt, dass der Dozent ein Gott ist.

Sergej Werschinin: Ich habe Deutsch geliebt. Wir hatten viele Kurse für Simultandolmetscher. Uns wurde die Rede von Gorbatschow vorgespielt und wir mussten sie schnell übersetzen. 

Irina Werschinina: Und natürlich hatten wir den Sprachschock, dass wir die Sprache nicht nur in der Universität sprechen konnten, sondern auch mit den Leuten auf der Straße. Die Sprachbarriere war groß. Bei uns im Institut musste man sich schick machen, man musste fast in Abendkleidung kommen. Und als wir dort ankamen, sahen wir Student in Pullovern mit Löchern an den Ellenbogen, und das hat niemanden gejuckt. Für mich waren diese kleinen Momente ein großer Schock. 

Sergej Werschinin: Vor dieser Reise habe ich das erste Mal einen Deutschen 1988 im sogenannten “Freundschaftszug” gesehen. Ich lernte ihn kennen, und es stellte sich heraus, dass er in einem Hotel bei mir in der Nähe wohnte. Wir verabredeten uns zu einem Spaziergang durch Moskau, bei dem ich ihm etwas zeigen würde. Ich war schockiert, dass er nicht fror, obwohl es furchtbar kalt war, und er keine Mütze auf hatte. Ich war furchtbar besorgt, aber er erwies sich als sehr widerstandsfähig und begleitete mich den ganzen Tag. Es war mein erster Kontakt mit einem Ausländer. 

Irina Werschinina: An der Universität hatten die Mädchen von der pädagogischen Fakultät einen Chor. Wir sind mit dem Chor bei den sogenannten „Freundschaftsfahrten“ aufgetreten und durften uns da mit Deutschen unterhalten, aber wir durften ihnen nicht unsere Adresse geben. Uns wurde gesagt, dass man Briefe an die Adresse der Universität schicken könne, und dann würden sie weitergeleitet werden.

Sergej Werschinin: Als ich später in die BRD ging, wurde ich in die erste Abteilung (die Abteilung des KGB) gerufen und erhielt eine Art Anweisung. Ich erinnere mich, dass es ein Briefkopf aus den dreißiger Jahren war, auf dem stand, dass es verboten sei, an Straßenaktionen teilzunehmen und sich in Cafés und Restaurants zu versammeln, wo sich Mitglieder der Weißen Garde versammelten. Das war schon im Jahr 1990. Als  wir in die DDR gefahren sind, mussten wir nichts unterschreiben.

Simone

Irina Werschinina: Wir hatten zwei Mitbewohnerinnen in einem Zimmer, aber irgendwie haben wir uns nicht viel mit ihnen unterhalten, nur über alltägliche Dinge. Simone hatte das andere Zimmer und musste immer durch unser Zimmer durch, welches ein Durchgangszimmer war. Mit ihr haben wir uns angefreundet, sie gab Serjoscha und mir am Wochenende sogar den Schlüssel zu ihrem Zimmer, wenn sie ihre Eltern besuchte. 

Sergej Werschinin: Simone Schatz war ihr Name. Also wie „der Schatz“. Und ich schrieb ihr eine Karte, auf der stand: “Simone, du bist wirklich ein Schatz” – weil sie es uns ermöglicht hat, uns wohlzufühlen.

Irina Werschinina: Natürlich haben Sergej und ich sie nach Moskau eingeladen. Wir waren also schon aus Berlin zurück und waren mit unserer Tochter auf der Datscha, mussten am Sonntag aber wieder zurück. Plötzlich öffneten wir die Tür und da saßen Simone und ihr Freund. Eine Woche nach ihrer Ankunft kam der Brief, in dem sie uns mitteilte, dass sie kommen würde. Sie wunderte sich, dass niemand sie am Bahnhof abgeholt hatte und dass sie selbst zu uns finden mussten. Jedenfalls nahm Papa sie und Sergej mit und sie machten eine Rundfahrt durch Moskau, während Mama und ich alles in Ordnung brachten und was zum Abendessen kochten. 

Simones Freund arbeitete als Klempner in einer sowjetischen Militäreinheit und kannte das Wort „Kompott“. Oma hat ihnen welchen eingeschenkt, und er erklärte Simone, dass es nichts schlimmes sei, dass man es trinken könne. Sie hatten große Angst vor ihnen unbekanntem Essen. Als Oma Sprotten für die Gäste rausholte, waren sie schockiert. Und ich erinnere mich, wie er sie probierte. Er nahm sie auf die Fingerspitzen und sagte: “Ja, das ist in Ordnung.“

Freiheit und Unfreiheit

Sergej Werschinin: Das Gefühl einer geteilten Stadt in Berlin hat mir für den Rest meines Lebens gereicht. Zum einen war da etwas Verbotenes und Verlockendes hinter dieser Mauer, und ich war wahnsinnig aufgeregt und interessiert an diesem völlig anderen Leben. Und ich verstehe, warum ich nicht den Kulturschock hatte, den ich in Westdeutschland hatte: Man hatte immer noch das Gefühl, dass man sich im sowjetischen System befand, das in einigen Bereichen freier und in anderen konservativer war, zum Beispiel im Verhältnis zwischen Regierung und Gesellschaft. 

Gleichzeitig verspürte ich Euphorie über alles, was mit uns geschah, dass wir ein eigenes Leben führten, ohne Mama und Papa, und eigene Entscheidungen trafen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich in der sowjetischen Armee gewesen war, wo ich zwei Jahre auf engstem Raum verbracht hatte. In der DDR empfand ich ein absolut wildes Glücksgefühl, weil ich mich einfach frei bewegen konnte, wo auch immer ich hin wollte.

Wir waren jedoch Menschen aus zwei geschlossenen Gesellschaften, und es gab immer noch keinen sehr herzlichen und freundlichen Kontakt zwischen uns. Ich erinnere mich, dass sich die Leute nur beim Trinken oder bei flüchtigen Kontakten öffneten, zum Beispiel im Zug, wo ich viel Zeit verbracht habe. Ich war also auf dem Weg nach Berlin, und es war bereits das Frühjahr 1989, in der Gesellschaft brauten sich Veränderungen zusammen, es tat sich etwas, aber niemand wusste, wie und wann es enden würde. Und in diesem Moment, denke ich, waren diese Leute ziemlich offen. Sie beklagten sich nicht über einen Mangel an bürgerlichen Freiheiten oder darüber, dass sie unterdrückt wurden. Sie fühlten sich benachteiligt, weil sie zum Beispiel kein Auto oder kein japanisches Radio kaufen konnten, weil sie keine Bananen hatten. Das hat sie sehr wütend gemacht, weil sie gesehen haben, dass hinter dem Zaun, ein paar Meter weiter, ein ganz anderes Leben und eine andere Welt war, wo du aber nicht hingelangen konntest. Und dort gibt es Bananen, Sony-Stereoanlagen und so weiter. Und dass sie nicht reisen konnten, hat sie auch extrem geärgert, weil Verwandte aus der BRD zu ihnen kommen konnten, und es Kontakte und Pakete gab. Ich habe sie selbst gesehen und bewegt, als ich um Weihnachten herum auf dem Postamt gejobbt habe. Und diese Leute haben ganz offen gesagt, sie würden gerne in den Westen gehen, aber sie hatten keine Möglichkeit dazu. Und die Tatsache, dass sie eingesperrt waren, hat sie wahnsinnig wütend gemacht. 

Irina Werschinina: Ich erinnere mich, dass 1987 eine der Fragen bei einer Prüfung in Landeskunde lautete, ob die Wiedervereinigung der DDR und der BRD möglich sei. Und wir mussten antworten, dass das natürlich nicht möglich war, weil es zwei verschiedene Länder waren, zwei verschiedene Völker, zwei verschiedene Systeme und jetzt auch zwei absolut verschiedene Geschichten. Und ich glaube, mit diesem Gedanken sind wir auch in die DDR gegangen. Selbst im April 1989, als ich abreiste, war es unmöglich sich vorzustellen, dass dass das alles zusammenbrechen würde.

Interview: Natalia Konradova

Unerwünschte Wege 2023