Militärische Karriere

Ich bin am 8. November 1954 in Halle geboren, habe aber meine Kindheit in der Kleinstadt Wettin nördlich von Halle verbracht. Ich ging ins Gymnasium, habe Abitur gemacht und bin danach zur Nationalen Volksarmee der DDR gegangen. Dort studierte ich Ingenieurökonomie und wurde parallel noch zum Panzerkommandanten ausgebildet. Wir hatten es damals mit den sowjetischen Panzern “T55” zu tun. Im Laufe meiner beruflichen Tätigkeit innerhalb der NVA habe ich verschiedene Positionen gehabt. Mein zweites Studium habe ich an der Militärakademie “Friedrich Engels” in Dresden absolviert, mit Schwerpunkt Militärpsychologie. Dann wurde meine Forschung zu psychologischen Problemen der automatisierten Truppenführung veröffentlicht und ich habe parallel in einer Forschungsgruppe zur Technikfolgenabschätzung an der Technischen Universität in Dresden gearbeitet. Allerdings habe ich meine Promotion aufgeben müssen, weil die Wende kam, die Mauer fiel und einige Fakultäten an der Universität nicht mehr nötig waren. Unsere interdisziplinäre Forschungsgruppe hatte ihre Basis bei der Abteilung Philosophie und Kulturwissenschaften der TU Dresden. Da diese Marxismus-Leninismus als Kernfach des Studiums vermittelt hat, wurde ihre ganze Forschungsebene entfernt. Zu der Zeit hatte ich bereits angefangen, meine Doktorarbeit zu schreiben.

Aber durch meine Forschungsarbeit kannte ich Projekte zur Umschulung von arbeitslosen Lehrern und Pädagogen und bin dann als erster Ostdeutscher in eine Fortbildung bei Siemens Nixdorf reingekommen. Sie hieß Lernsystemanalytiker, und da war das pädagogische Know-how der Lehrer sehr nützlich. Bei mir war es meine Erfahrung als Dozent an der militärischen Hochschule und die Fähigkeiten, die ich mir an der TU Dresden in der Forschungsarbeit angeeignet hatte. Ich habe einen Abschluss in Lernsystemanalytik gemacht und danach in meinem neuen Beruf bei einer großen Bank in Deutschland angefangen.

Solange die DDR existierte gab es natürlich unterschiedliche Möglichkeiten, offizielle Kontakte zu Bürgern der Sowjetunion zu haben. Als der Russischunterricht in der fünften Klasse begann, wurden wir als Kinder aufgefordert, Brieffreundschaften mit sowjetischen Schülern aufzubauen. Meine Brieffreundin hieß Liuba und sie war aus Tbilissi. Mehr weiß ich auch nicht mehr über sie, obwohl ich mich ein, zwei Jahre per Brief mit ihr ausgetauscht habe. Außerdem war ich in der Pionierorganisation Ernst Thälmann und traf dort Pioniere aus der Sowjetunion. Und in Halle, wo ich gewohnt habe, war eine sowjetische Garnison, wo ja auch die Familien von Offizieren wohnten. Später, als ich als Panzerkommandeur in der Armee gedient habe, hatten wir ein Partnerregiment der Sowjetarmee in der Nähe von Templin. An Feiertagen haben wir gemeinsam gefeiert hat. Es gab auch gemeinsame Truppenübungen. Aber sonst war eigentlich alles strikt getrennt: Jeder hat in der eigenen Einheit irgendwas gemacht und es wurde nichts gemeinsam unternommen.

Natascha

Während meines ersten Studiums an der Offiziersschule bin ich für gute studentische Leistungen mit einer Jugendtourist-Reise ausgezeichnet worden. Jugendtourist organisierte Reisen für die Jugend, unter anderem auch ins Ausland, und ich durfte als Auszeichnung 14 Tage lang in der Tschechoslowakei Urlaub machen. Parallel zu unserer Reisegruppe aus Ostdeutschland, also aus der DDR, gab es auch andere Reisegruppen, die aus unterschiedlichsten sozialistischen Ländern kamen, unter anderem eine aus der Sowjetunion. Und man hat sich während dieser Zeit gesehen und wenn es gut lief, auch kennengelernt. Da habe ich ein junges Mädchen namens Natascha, das damals noch Studentin war, kennengelernt. Sie stammte aus Krasnodar, lebte aber in Lwiw, hat studiert und war Leiterin der sowjetischen Delegation in der Tschechoslowakei. Wir fanden einander sehr nett und dementsprechend ging die Beziehung danach weiter. Ich habe mit ihr dann hauptsächlich über Briefe Kontakt gehalten, aber noch außergewöhnlicher ist, dass wir es geschafft haben, uns nochmal zu sehen. 

1977 war ich mit meinem ersten Studium fertig, habe ganz normal gearbeitet und hatte die Möglichkeit, ins Ausland zu reisen; nicht innerhalb, sondern außerhalb der Saison. Das nannte sich “Winterbaden in Sotschi”, obwohl es im April war. Diese Reise nach Sotschi war natürlich damit verbunden, dass ich mich mit Natascha per Brief austauschte und sie zu dem Zeitpunkt wieder in Krasnodar lebte. Nach sowjetischen Maßstäben ist das gleich nebenan, 500 Kilometer von Sotschi entfernt, aber für jemanden, der aus der DDR kam, war die Entfernung so groß wie das ganze Land. So oder so haben wir es geschafft, uns zu treffen.

Als ganz normaler Reisender aus der DDR habe ich mit der Gruppe im Hotel “Zhemchuzhina” (Perle) gewohnt. Ich hatte das Natascha mitgeteilt und sie hat sich für ungefähr drei Tage in demselben Hotel untergebracht. Mit dem Treffen war es manchmal ein bisschen schwierig, denn es gab auf jeder Etage eine Rezeption und man musste seine Dokumente zeigen. Und ich kann mich erinnern, dass wir immer versucht haben, mit den Leuten, die an der Rezeption sitzen, in Kontakt zu kommen. Jedenfalls hat es geklappt, dass wir uns da drei Tage sehen und eine wunderschöne Zeit zusammen verbringen konnten.

Ich hätte mir damals durchaus vorstellen können, mit Natascha auch eine intensivere Beziehung zu haben, aber das wäre mit enormem Aufwand verbunden gewesen. Zumindest habe ich von Freunden, die in Moskau studierten, gehört, dass man auf bürokratische Barrieren stoße, wenn ein Bürger der DDR jemanden heiraten wollte, der aus der Sowjetunion kam.. Bei mir ist es nicht so weit gekommen und außerdem habe ich gemerkt, dass es für Natascha eher selbstverständlich war, dass wir kaum wussten, ob wir uns überhaupt noch mal wiedersehen würden. Wir hatten zwar eine gute Zeit, aber es hat sich dann im Sande verlaufen. Vielleicht ist es eher meinetwegen passiert; hätte ich begonnen, mich mit solchen bürokratischen Dingen auseinanderzusetzen, hätte es vielleicht auch klappen können. Aber ich war 22 und als junger Mensch ist man nicht erpicht darauf, diese eine Beziehung für den Rest seines Lebens zu pflegen. Genau zu der Zeit habe ich die Frau kennengelernt, die meine erste Ehefrau wurde.

Interview: Alexandra Rumyantseva

Unerwünschte Wege 2023