Herkunft und Kindheit

Meine Eltern kamen aus Strelno in der Provinz Posen; da wurde Deutsch gesprochen, da wurde Polnisch gesprochen, da wurde Jiddisch gesprochen und da wurde Russisch gesprochen. Dort verlief vor dem Ersten Weltkrieg und bis 1917/18 die Grenze zwischen Deutschland und Russland: die Provinz Posen war deutsch, die Nachbarprovinz Warschau russisch. Die militärische Hauptverwaltung der Russen befand sich ganz in der Nähe von Strelno. Die Brüder meines Vaters konnten auch Russisch und Polnisch.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs hat mein Vater einen Feldpostbrief geschickt, da stand drin: „Die Russen sind auch Menschen.“ Diesen Satz hat er deshalb geschrieben, weil die Russen so verteufelt worden sind. Meine Mutter war damals bei ihrer Schwester in Berggießhübel in der Nähe von Pirna. Als die Russen vor den Toren von Berggießhübel auftauchten, ist der Bürgermeister zu denen hin mit einer weißen Fahne und hat den Ort friedlich übergeben. Es kam zu keinen Kriegshandlungen. Dennoch gab es eine erhebliche Zahl von Todesfällen, aber nicht verursacht von den Russen. Der Apotheker hatte den Leuten im Ort Gift verteilt; wenn die Russen kommen, sollten sie das schlucken. Eine von den Halbgestorbenen war meine Mutter.

Als ich 1948 geboren wurde, arbeiteten meine Eltern als Friseure in der russischen Kaserne in Dresden. Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre gab es ein generelles Patrifizierungsverbot. Das bedeutete, dass kein Deutscher in die russische Kaserne durfte. Aber meine Eltern hatten dort ihr Geschäft. Später sind wir nach Weixdorf bei Dresden gezogen, wo meine Eltern ein Friseurgeschäft eröffneten. Ab und zu kamen ein paar Russen. Meine Ausbildung als Friseur machte ich gegenüber einer russischen Kaserne an der Königsbrücker Landstraße in Dresden-Klotzsche. Daher war die besondere Verbindung zu den Russen im Grunde von Anfang an da.

Es gab in Weixdorf im Rathaus eine kleine Bibliothek, die wurde von zwei Russinnen geführt, die schon seit den 1920er Jahren da waren. Die hatten den Einmarsch der Russen offensichtlich gut überlebt, sind nicht verschleppt worden und wurden von den Deutschen relativ gut akzeptiert. Ich war sehr gerne bei den beiden klugen Babuschkas.

Merkwürdigerweise sollte ich im Deutschunterricht in der siebten, achten oder neunten Klasse was von Dostojewskij erzählen, von Karamasow. Das habe ich auch gemacht. Und nach dem Vortrag hieß ich Aljoscha. Das ging nicht von mir aus, das ging von den Leuten in meiner Klasse aus. Seitdem werde ich Aljoscha genannt.

Wir hatten mit Russen außerhalb der offiziell organisierten und kontrollierten Deutsch-Sowjetischen Freundschaft Kontakt. Wer außerhalb dieses Rahmens privat Verbindungen hatte, wurde in Ruhe gelassen. Auch wer in Russland war und wieder zurückkam. Die Stasi wusste nie ganz genau, ob man da mit der anderen Seite was zu tun hatte. Aber das wusste ich damals nicht.

Eine der ersten Sachen, die ich über Russland aufhob, war eine Meldung aus dem Neuen Deutschland vom November ’67: Gerald Götting bei Patriarch Alexis. Der hatte seinen 90. Geburtstag, und da ist der angetanzt und hat ihm gratuliert.

Zeitungsartikel aus dem Neuen Deutschland vom 8./9. November 1967
Archiv G. Schau

Bücher

Mein Zugang zu Russland begann mit einem Besuch in der russischen Kirche in Dresden. Wann wird das gewesen sein? 1968/69. In meiner Ausbildung zum Diakon sollte ich einen kleinen Vortrag über die russische Kirche halten. Da bin ich zu dem Pfarrer und er hat mir das Buch „Die Russische Orthodoxe Kirche“, eine deutsche Ausgabe von 1958, ausgeliehen. Das war die erste Gelegenheit, mich mit der russischen Kirchengeschichte zu beschäftigen. Jedenfalls habe ich daraus einen ganz guten Eindruck bekommen. Die russische Kirche war damals in der DDR überhaupt kein Thema. Ich bin dann 1970 nach Leipzig gegangen, um Theologie zu studieren. In der Nationalbibliothek habe ich mir „Die Stadtgeschichte in Russland“ ausgeliehen. Dieses Buch war als Übersetzung aus dem Russischen in Ostberlin erschienen. Weil sie für mich so wichtig waren, habe ich mir später beide Bücher antiquarisch beschafft.

Bücher „Die Russische Orthodoxe Kirche“ und „Die Stadtgeschichte in Russland“ (Privatbesitz G. Schau)

Einladung und Zugreise in die Sowjetunion

1970 sagte Reinhard, ein Bekannter aus Leipzig, den ich aus der Studentengemeinde kannte, er gehe nach Moskau an die Lomonossow-Universität, um sein Mathestudium dort fortzusetzen. Wenn ich Zeit hätte, solle ich ihn mal besuchen. Doch es war ihm nicht möglich, ein Moskau-Visum für eine Privatperson zu bekommen. Er hatte in Vilnius einen Bekannten, der hieß Isidor. Der hat mir eine Einladung geschickt. Und mit dieser Einladung habe ich ein Visum bekommen, um nach Vilnius zu fahren.

Reinhard sagte mir, ich solle viele Koffer mitnehmen. Er hatte viele Sachen gekauft und brauchte Koffer, um die Sachen einzupacken und nach Leipzig zurückzunehmen. Ich hatte zwei große Koffer, einen links und einen rechts. In den großen Koffern waren die nächstkleineren und so weiter – wie Matrjoschkas in Kofferform. Und das einzige, was ich mitgenommen habe, war dieses Buch über die russische Stadtgeschichte. Das war in dem letzten kleinen Koffer.

Ich hatte große Mühe, rechtzeitig den Zug im Leipziger Hauptbahnhof zu erreichen. Mit knappster Not – das Abfahrtsignal war schon erschienen – habe ich die beiden Koffer ‘reingeworfen und bin mit einem Sprung in den letzten Waggon des schon anfahrenden Zuges. Landete auf dem Fußboden, sah meine Koffer und mindestens zwölf Paar Stiefel von Uniformierten. Die Kontrolleure für Visa und Zoll fuhren schon ab Leipzig mit. Die haben mir gesagt, ich solle mich erstmal in ein Abteil setzen. Dann kamen sie und wollten wissen, was in meinen Koffern ist. Hole ich einen Koffer ‘runter, nehme aus dem großen Koffer den kleinen Koffer ‘raus, setzte die kleinen Koffer auf die großen Koffer, und so hat sich das aufgetürmt. Ich glaube, die anderen Leute mussten alle raus. Dann dasselbe Spiel mit dem anderen Koffer. Und in dem letzten kleinen Koffer war dieses kleine Buch. Das haben sie sich angeguckt. Es gab keinen Grund, irgendwas dagegen einzuwenden. Aber sie haben sich natürlich gewundert.

An der Grenze von Polen in die Sowjetunion war Spurwechsel angesagt. Ich weiß heute nicht mehr, ob wir 200-300 Meter laufen mussten, um zu einem anderen Zug zu kommen, oder ob der Zug angehoben worden ist auf die Breitspur und wir sitzen bleiben konnten. Ich habe noch in Erinnerung, dass viele polnische Frauen dort waren mit großen Röcken und da konnte man sicher sein, dass sie etwas zum Tauschen drunter hatten, dass es da so einen kleinen Grenzhandel gab.

Dann kam eine Diensthabende, bei der konnte man Tee bekommen, das weiß ich aber nicht mehr genau. Was ich genau weiß: sie wollte die Fahrscheine haben und den Ausweis samt Visum. Die nächste Frage war, wo ich aussteigen will. Und das war Vilnius. Sagt sie: „Gut, wenn wir in Vilnius sind, dann komme ich, gebe ihnen die Sachen zurück und sie steigen aus.“ Der Zug fuhr Richtung Petersburg, also Leningrad damals. Jedenfalls habe ich so tief geschlafen, dass ich gar nicht mitbekommen habe, dass der Zug in Vilnius gehalten hat. Ich bin da auch nicht geweckt worden. Irgendwann ist der Diensthabenden des Wagens klar geworden, dass jemand dort hätte aussteigen müssen oder sollen oder wollen. Und dann kam sie zu mir und gab mir meinen Ausweis zurück. Beim nächsten Halt sollte ich auf jeden Fall aus dem Zug ‘raus. Das war vielleicht 100 km nach Vilnius. Der Zug hielt in einem ganz kleinen Dorf. Da war kein Bahnsteig und man musste ‘runterspringen. Aber ich war nicht alleine, sondern mit zehn, 15 oder 20 anderen Leuten. Es war ein Abend im Juli, Sonnenuntergang ungefähr 21 Uhr oder so. Es wurde langsam dunkler. Ich setzte mich erst einmal auf meinen Koffer und wartete, was passierte. Die anderen Leute, die auch dort ausgestiegen waren und wahrscheinlich auch nach Vilnius wollten, haben Autos organisiert und Taxis. Ich fuhr dann mit zwei Leuten im Taxi zurück nach Vilnius. Mitten in der Nacht kamen wir dort an. Die anderen beiden sind vor mir ausgestiegen. Ich hatte die Adresse von Isidor. Ursprünglich hatte er auf dem Bahnhof auf mich gewartet. Ohne Isidor hätte ich niemals dieses Neubaugelände gefunden; da gab es keine Straßenschilder, keine Hausnummern. Aber der Taxifahrer kannte sich mit solchen Sachen aus, hat die Adresse gefunden und ist mit mir dann hoch. Natürlich wollte er von Isidor die Taxifahrt bezahlt bekommen. Aber das war nicht die große Frage, wer was zahlt. Was schön war: das Essen, das für den Abend vorbereitet war, haben wir dann nachts gegessen. Wenn jemand kommen soll und nicht da ist, dann entstehen ja bestimmte Fragen. Die waren nun geklärt und alle waren froh.

In Vilnius und Moskau

Am nächsten Tag bin ich mit Isidor zur Polizei und habe die Anmeldung für einen Privataufenthalt in Vilnius beantragt – Bearbeitungsdauer eine Woche. Und in dieser Woche habe ich mir natürlich Vilnius angeguckt: das damalige große Museum, die heutige Kathedrale auf dem großen Marktplatz. Alle katholischen Kirchen, alle russischen Kirchen und die Madonna vom Spitzen Tor. Das ist die wichtigste Ikone von Vilnius. Außer mir war keiner da, nur eine alte Frau war dort.

Und was ganz, ganz besonders schön war: Isidor und seine Frau sind mit mir zu dem berühmten Musikfest ins Stadion gegangen mit Tausenden von Zuschauern. Jede kleine Region aus Litauen, Estland, Lettland, Belarus, der Ukraine und aus Russland hatte ihre Musikgruppen dorthin geschickt und alle haben gesungen. Und viele haben mitgesungen. Das war total beeindruckend.

Am Ende der Woche konnte ich wieder mit Isidor zur Polizei. Ich bekam die Anmeldung für Vilnius. Ich brauchte eine gesetzliche Anmeldung, die hatte ich, und dann auf nach Moskau!

In Moskau hat Reinhard auf mich gewartet. Der studierte an der Lomonossow-Universität auf dem Lerchenberg. Von dort aus konnte man schön auf Moskau sehen. Die ausländischen Studenten waren jeweils separiert: die Deutschen, die Franzosen, die Mongolen. Aber es war auch kein Problem, mit Russen in Verbindung zu kommen.

Wir waren in den orthodoxen Kirchen, im Kreml und natürlich auch in Sagorsk. Sagorsk hat mich neben dem Musikfest in Vilnius am meisten beeindruckt. Was mich fasziniert hat: die schönen liturgischen Gesänge und der schöne Klosterhof. Es waren viele alte Frauen da, und die haben irgendein Fest gefeiert. Aber ich bin damals nicht schlau geworden, was das eigentlich war. Wahrscheinlich war es das Fest des heiligen Wladimir.

Am Ende der Reise hatte ich eine kleine Allergie. Ich konnte in Moskau schlecht zum Arzt gehen, weil ich dort nicht angemeldet war. Das war alles nicht ganz einfach, das Risiko war zu groß. Aber die Franzosen, die dort Slawistik studierten, hatten eine Salbe von einer Heilpflanze. Und sie sagten, wenn ich die nehme, bin ich am nächsten Tag gesund. Am nächsten Tag wurde es noch schlimmer; so schlimm, dass mein ganzes Gesicht total angeschwollen war.
Aber meine Abfahrt stand fest, von Moskau über Warschau nach Leipzig. Auf der Rückfahrt wollte mich niemand kontrollieren. Niemand wollte wissen, was ich in den Koffern habe. Das hatte ich wahrscheinlich meinem Aussehen zu verdanken. Die Russen, die Polen, die Deutschen – alle haben mich durchgewunken.

In Leipzig angekommen, habe ich mich gewaschen und mit der Salbe eingecremt. Als ich dann am nächsten Tag aufwachte, konnte ich meine Augen nicht mehr aufmachen. Es war so schlimm wie nie zuvor. In der Hautklinik stellten sie die Ursache der Allergie fest: die Salbe. Sie wurde sofort abgesetzt, und nach drei Tagen ging es mir schon wesentlich besser. Die Patienten hatten wahrscheinlich mitbekommen, wo ich herkam. Einer kam auf mich zu und sagte: „Mir s vami!“. Meine sofortige Reaktion war: „Pax vobiscum!“ Das war das Ende der Reise.

Die russisch-orthodoxe Kirche

Im Studium habe ich von Wolfgang Ullmann viel über russische Religionsphilosophie gelernt. Er war auch mehrmals in Sagorsk. Es gab nämlich die Sagorsker Gespräche zwischen der evangelischen Kirche in der DDR und der russisch-orthodoxen Kirche, die auch veröffentlicht worden sind. Und von einem dieser Gespräche hat Wolfgang Ullmann dieses Teeglas mitgebracht.

Teeglas, aus der Sowjetunion mitgebracht von Wolfgang Ullmann
Privatbesitz G. Schau

In Leipzig gibt es eine große Kirche im Gedenken an die vielen Russen, die dort 1813 in der Völkerschlacht gefallen sind. Da war ich ziemlich regelmäßig. Zur russischen Kirche habe ich immer die Verbindung gesucht, auch dann in Westberlin. Das meiste über die Orthodoxie habe ich in Westberlin gelernt, und zwar von einer russischen Familie, von Natascha und Igor Frömke. Igor Frömke ist 1917 in Petrograd geboren. Seine Familie hatte die deutschen Staatsbürgerschaft und verließ Russland, als er ein kleines Kind war, mit dem Schiff über die Ostsee. Sie gingen in Stettin an Land und kamen von dort nach Berlin. Igor war ein Enkel der deutschen Kolonie in Petersburg. Viele Deutsche, die dort gewohnt und gearbeitet haben, waren zur Orthodoxie konvertiert. Die Eltern von Natascha lebten in Grodno und hatten unter dem Zaren mit dem Militär zu tun. Sie mussten ebenfalls fliehen und kamen nach Serbien. Dort ist Natascha geboren. Und wer in Serbien aufwächst, der bekommt natürlich die ganze orthodoxe Welt mit. Natascha ist Anfang der 40er Jahre als Freiwillige von Belgrad nach Berlin gekommen, um bei Siemens zu arbeiten. Nach dem Krieg haben sich die beiden, Natascha und Igor, in Berlin kennengelernt und geheiratet.

Günther „Aljoscha“ Schau in seiner Wohnung
Foto: U. Gerlant

1988 bin ich gefragt worden, ob ich bei der russischen Auslandskirche in München Priester werden will. Die kannten mich aus Berlin und wussten, was ich in unserer kleinen Auslandsgemeinde hier gemacht habe. In den russischen Gemeinden konnte keiner mehr Russisch, und ich sollte den deutschen Anteil einbringen. Da sagte ich mir: „In der DDR wird sich nichts ändern, in Russland schon mit Gorbatschow.“ Und dann begannen viele Russen nach Deutschland zu kommen. Ich war ein halbes Jahr im Kloster, um Routine zu bekommen. In den normalen Gemeinden bekommt man ja nur mit, was am Sonntag passiert, nicht aber, was an den einzelnen Tagen dazwischen ist. Zu Ostern 1988 erhielt ich die Priesterweihe.
Die Reise hat eine wichtige Rolle für mich gespielt und ich hatte sie fast vergessen nach über 50 Jahren.

Interview: Uta Gerlant

Unerwünschte Wege 2023